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Montag, 6. Juni 2011

Buchkritik: 1001 Klassik-Alben

… und wieder einmal geht es um das Phänomen (oder den Zwang?), alles nur Erdenkliche in Listen packen zu müssen:
Ausgehend von den vor allem im angloamerikanischen Bereich offensichtlich seit einigen Jahren schon ausgesprochen beliebten Büchern mit diesen ominösen "100 (oder besser gleich 1000) Dingen", die man getan, besucht, bereist, gelesen, gegessen, angeschaut oder gehört haben soll, "bevor das Leben vorbei ist" ("... before you die", wie es im Original viel direkter und drastischer heißt!), hat es in den letzten Jahren auch hier bei uns eine Flut von Büchern mit derartigen Listen gegeben (oft waren es eh nur Übersetzungen aus dem Englischen), wobei man immer wieder erstaunt ist, zu welch noch so abwegig erscheinenden Themenbereichen es mittlerweile schon diese Aneinanderreihungen ach so unverzichtbarer Orte, Filme, Bücher, Getränke usw. gibt, ohne deren Kenntnis ein erfülltes Leben offenbar nicht möglich ist!

Zugegeben: Die meisten dieser Bücher interessieren mich absolut nicht (zumal ich z. B. von Architektur nicht allzu viel Ahnung habe, so dass ich eh nicht beurteilen könnte, wie gut oder repräsentativ die vorgestellte Auswahl ist in einem Buch mit dem Titel "1001 Gebäude, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist" - kein Scherz, diesen Band gibt es wirklich!) und ich verstehe das Ganze daher grundsätzlich eh nur als eine Art gutgemeinte (wenn oft auch etwas fragwürdige) Anregung, obwohl es ja Leute geben soll, die solche Listen voller Ernsthaftigkeit geradezu zwanghaft abarbeiten müssen - was ich schon ziemlich gruselig finde…

Aber immerhin mit einem Band habe ich mich dann doch etwas näher beschäftigt, nicht zuletzt, weil mich sehr interessiert hat, wie sich die Auswahl der magischen "1001 Positionen" der diesem Buch zugrunde liegenden Liste zusammensetzt (und wie das Ganze präsentiert wird): Es handelt sich um den 2008 auf deutsch erschienenen, immerhin stolze 960 Seiten starken Band

"1001 Klassik-Alben, die Sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist"
Die englischsprachige Ausgabe dieses Buchs erschien bereits im Jahr 2007; als Herausgeber fungiert Matthew Rye, der einem Team aus 35 Autoren und -rinnen vorsteht, die - welch Überraschung - fast durchgehend in Großbritannien und den USA publizistisch tätig sind.

Dies wirkt sich begreiflicherweise auch auf die getroffene Werkauswahl aus - es ist ein nicht zu übersehender Schwerpunkt auf britische und amerikanische Komponisten gelegt worden (zugegeben für mich als Fan "britischer Klassik" ein Pluspunkt für dieses Buch!), was dazu führt, dass man hier auf vorgestellte Werke von hierzulande oft nahezu unbekannten Komponisten wie z. B. Elliott Carter, William Walton, Frank Bridge, Arnold Bax, William Boyce, George Butterworth, Malcolm Arnold etc. trifft - also Komponisten, die man als deutscher Autor eines solchen Buches möglicherweise zwar kennen, nicht aber unbedingt alle in eine Liste mit den wichtigsten 1001 Klassik-Werken aufnehmen würde… Aber wie gesagt: Genau dieser Schwerpunkt gefällt mir persönlich besonders an diesem Buch!

So fehlen denn auch - aus deutscher Sicht - z. B. Komponisten wie die Bach-Söhne (lediglich Carl Philipp Emanuel ist hier mit einem Werk vertreten) oder Albert Lortzing, aber auch Musiker wie z. B. die Franzosen Auber und Adam.

Nun gut, die Zusammenstellung in diesem Buch ist natürlich eine individuelle, allerdings sollten meiner Meinung nach wichtige Werke wie z. B. Dvoraks Stabat mater und sein Requiem, Mendelssohns Oratorium Paulus oder die Oper Mignon von Ambroise Thomas in einem solchen Buch nicht fehlen - wohlgemerkt immer unter dem Aspekt, dass dafür andere Werke, von denen (bzw. ihren Komponisten) man zumindest als Leser aus dem deutschsprachigen Kulturraum noch nie etwas vernommen hat, sehr wohl hier zu finden sind…!

Aufgeteilt ist der im Übrigen reich mit CD-Covern und Interpretenfotos bebilderte Band in 7 Kapitel, die der ganzen Aufzählung eine chronologische Struktur geben sollen - es geht um die Entstehung bzw. Uraufführung der jeweils vorgestellten Werke:
Vor 1700/ 1700-60/ 1761-1800/ 1801-50/ 1851-1900/ 1901-50/ 1951 - Gegenwart

Ärgerlich finde ich die Titel- und Komponistenverzeichnisse in diesem Buch, auf die man meist angewiesen ist, um ein bestimmtes Werk finden zu können (denn wer weiß schon auf Anhieb, in welchem Jahr die Sinfonie X oder die Oper Y uraufgeführt wurden, um dann direkt das betreffende Jahr aufzuschlagen und somit ohne Umwege fündig zu werden?) - besagte Verzeichnisse sind, gelinde gesagt, schlampig und erschreckend unvollständig zusammengestellt worden!
Ginge man nach dem Titelverzeichnis, müsste man z. B. davon ausgehen, dass weder Mendelssohns Oratorium Elias, noch Schumanns Klavierkonzert, geschweige denn die Wagner-Opern Der fliegende Holländer, Lohengrin oder Tannhäuser, in diesem Buch enthalten sind (und das sind nur ein paar Beispiele, die einem bereits nach kurzer Suche auffallen)!
Natürlich gibt es zu diesen Werken entsprechende Artikel, diese findet man aber nur bei entsprechendem Blättern in den in Frage kommenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, hier kann man zu einem schnelleren Ergebnis kommen, wenn man vorher in einem separaten Opern- oder Konzertführer nachschlägt, wann die Uraufführungen dieser Werke denn gewesen sind - aber das kann es ja wohl nicht sein, oder...?

Hier würde ich mir wünschen, dass der deutsche Verlag für eine 2. Auflage (wenn es dazu überhaupt kommen sollte - mich würde wirklich interessieren, wieviel Nachfrage gerade dieser Band beim Publikum geweckt hat!) hier noch mal eine gründliche Überarbeitung dieser und anderer Stellen in die Wege leitet - so was ist einfach nur ärgerlich für den Benutzer/ Leser und hätte mit ein wenig mehr Sorgfalt vermieden werden können!

Da dieses Buch ja nicht den Anspruch erhebt, ein Konzert- oder Opernführer zu sein, hätte ich mir gewünscht, dass es auch ein Verzeichnis der erwähnten Künstler, Orchester und Ensembles gegeben hätte - leider auch Fehlanzeige! Leider bestehen aber sämtliche Einzelartikel zu zwei Dritteln aus Werkbeschreibungen in knappster Form (dafür hatte ich mir dieses Buch eigentlich nicht zugelegt - sowas bekommt man in weitaus ausführlicherer Art und Weise in zahlreichen anderen Konzert- und Opernführern!) und nur jeweils am Ende stehen dann ein paar wenige Sätze zur als empfehlenswert erachteten Einspielung des zuvor vorgestellten Werks. Ich hätte mir gewünscht, mehr über die jeweiligen Aufnahmen zu erfahren und dafür gern auf weitere Infos zum Stück selber verzichtet - darum sollte es hier doch eigentlich gehen, oder habe ich das Konzept dieses Buchs falsch verstanden?

Auch über die Auswahl zu manchen hier empfohlenen "Referenzaufnahmen" muss man sich zuweilen wundern, obwohl dies ja nun wirklich Geschmackssache ist - aber da häufig neben der etwas ausführlicher präsentierten Aufnahme eines Werks zumindest noch zwei oder drei Alternativeinspielungen aufgelistet werden, fragt man sich doch, warum hier des Öfteren Aufnahmen, die sonst allerorten als absolute Referenzen genannt und gerühmt werden, nicht einmal erwähnt werden (z. B. bei Verdis Don Carlos die Giulini-Aufnahme von 1971)? Und warum werden bei Berlioz' Harold en Italie gleich drei Alternativ-Einspielungen mit William Primrose als Solisten genannt, die noch dazu alle aus den 1940er/ 50er Jahren stammen - gibt es wirklich keine anderen, vielleicht auch klanglich etwas moderneren und dennoch empfehlenswerten Aufnahmen dieses Werks?

Gut, ich will mich hier nicht in Einzelheiten verlieren - der etwas unglückliche Aufbau dieses Buchs krankt (neben der erwähnten schlampigen lexikalischen Aufbereitung der Suchverzeichnisse) vor allem daran, dass hier das Konzept des bezeichnenderweise bereits in mehreren Neuauflagen erschienenen Bandes "1001 Alben die Sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist" offenbar eins zu eins übernommen wurde: Was für eine pop- und rockmusikalische Plattensammlung perfekt passt (z. B. die chronologische Anordnung nach den Entstehungsjahren oder die zwangsläufige ausschließliche Ausrichtung nach den verschiedenen Bands und Interpreten), muss - wie sich zeigt - ja nicht unbedingt für ein ebenso aufgebautes Buch mit Klassik-Alben funktionieren!

Da hätte man sich meiner Meinung nach vielleicht doch etwas mehr Gedanken über den optimalen Aufbau dieses "Klassik-Ablegers" machen sollen, vielleicht wäre eine chronologische Anordnung nach den Aufnahmejahren auch bei den klassischen Werken eine ganz interessante Zeitreise durch die Geschichte der Tonaufnahme im 20. Jahrhundert geworden? Dies würde allerdings ein einwandfreies Komponisten- / Titelverzeichnis, in dem man dann auch wirklich alle (!) besprochenen Werke finden kann, voraussetzen (denn ohne dieses würde man sich dann wohl wirklich auf der Suche nach einem bestimmten Werk komplett verzetteln)…

Jedenfalls ist das vorliegende Ergebnis mit seinem Charakter als halber Konzert- und Opernführer, in dem empfohlene Einspielungen immer nur am Rande vorkommen, so nicht besonders überzeugend! Lautet der Buchtitel nicht "1001 Klassik-Alben"? Man hat aber eindeutig mehr den Eindruck, dass das Buch eigentlich passender mit "1001 Klassik-Werke" betitelt wäre...

Immerhin eignet sich der Band wunderbar zum stundenlangen Rumblättern, Bildergucken, Schmökern, Sich-Wundern (*zwinker*), etc. - und das ist ja immerhin auch schon etwas!

Wie gesagt: Für mich als Fan speziell britischer Komponisten bietet dieses Buch mit seiner Auswahl eine Reihe erfreulicher Erwähnungen und Entdeckungen, dennoch wage ich zu behaupten, dass der an klassischer Musik eher allgemein interessierte deutschsprachige Leser, der sich dieses Buch zulegt, vielleicht doch besser mit einer Empfehlung für Albert Lortzings Zar und Zimmermann statt eines Sinfonien-Bündels von William Boyce versehen worden wäre…

Aber zu meckern gibt es ja immer was…;-)

Montag, 11. April 2011

Buchkritik: "Die 5. Passion" von Oliver Buslau

Eigentlich bin ich überhaupt kein Fan von den seit einigen Jahren so wahnsinnig populären "Mystery-Thrillern", in denen sich alles um die Dechiffrierung verschlüsselter Botschaften aus längst vergangenen Zeiten dreht, hinter denen - natürlich - mehrere rivalisierende Personen und geheime Organisationen (je mächtiger und dubioser, desto besser!) gleichzeitig her sind und es somit zu einem munteren Wettrennen kommt, bei denen gerne schon mal der eine oder die andere Teilnehmer(in) skrupellos aus dem Weg geräumt wird…
Es ist wirklich erstaunlich, was hier allein in den letzten 10 Jahren alles für Titel zu diesem immer gleichen Strickmuster auf den Markt gekommen sind - viele gehen in dieser Masse sang- und klanglos unter, manch anderer (und nicht immer unbedingt die besten!) wird ein Welterfolg, der sogar mit großer Starbesetzung in Hollywood verfilmt wird…
Die geheimen Botschaften, die für unsere heutige Zeit natürlich immer von immenser Bedeutung sind (sonst würden sie ja niemanden mehr interessieren) sind bevorzugt in antiken Schriftrollen, Grabkammern, mittelalterlichen Gebäuden oder Renaissance-Gemälden in verschlüsselter Form anzutreffen und so gesehen fand ich die Idee (so naheliegend sie eigentlich ist) dann auch mal erfrischend originell, als ich auf das hier besprochene Buch gestoßen bin, in der sich zur Abwechslung einmal alles um eine verschollene Notenhandschrift dreht, die natürlich ebenfalls eine verschlüsselte Nachricht enthält.
Wer ist eh schon für seine vielfach zitierten, von religiösen Zahlensymbolen ja angeblich geradezu durchtränkten Partituren bekannt? Richtig - Johann Sebastian Bach! Und genau um den und seine (heute nur aus zeitgenössischen Berichten bekannte) leider komplett verschollene "5. Passion" dreht sich in dem im Jahr 2009 erschienenen Roman von Oliver Buslau dann auch alles.

Und weil ich zum einen diese Idee, endlich auch einmal einen berühmten Komponisten in einen dieser "Mystery-Thriller" einzubeziehen, originell fand und Herrn Buslau unter anderem bereits als Autor von Artikeln in Musikzeitschriften kannte (und ich somit die ganze "fachliche" Thematik bei ihm als studiertem Musikwissenschaftler in guten Händen wusste), habe ich mich dann tatsächlich voller Neugier auf die Lektüre dieses immerhin mehr als 500 Seiten starken Romans eingelassen.

Wie gesagt: Im Prinzip dreht sich auch die Handlung dieses Romans um die gleiche Thematik wie die anderen, weiter oben kurz beschriebenen Bücher dieses Genres - aber immerhin ist Herrn Buslau mit diesem originellen, vielleicht wirklich eher speziell für Klassik- und Musikfreunde gedachten Gattungsbeitrag ein Roman gelungen, der sich hinter anderen "Wir entschlüsseln eine geheime Botschaft und werden dabei von finsteren Bösewichtern gejagt"-Büchern nicht zu verstecken braucht!

Wenn ich das richtig recherchiert habe, ist "Die 5. Passion" der erste Roman Buslaus, der nicht im Bergischen Land spielt - denn in dieser Gegend ist er bisher vor allem als Autor solcher sogenannter "Regionalkrimis" bekannt geworden - einer Gattung, der ich etwas skeptisch gegenüber stehe, da ich immer den Eindruck nicht loswerde, dass der Reiz (und die Beliebtheit) dieser Bücher hauptsächlich darin begründet liegt, dass die Leser die darin beschriebenen Ort- und Landschaften bestens kennen und die Freude über diesen Wiedererkennungseffekt oft ein bisschen die eigentliche Qualität der trotz allem für einen solchen Krimi ja auch noch erforderlichen Handlung überdeckt…
Wenn man mal schaut, für wie viele Regionen und Städte mittlerweile solche "Regionalkrimis" erschienen sind, scheint der Erfolg eines solchen Buches ja fast schon ein Selbstläufer zu sein - und genau das macht mich eben ein bisschen stutzig. Eine gute (Krimi-)Handlung ist nicht unbedingt fast ausschließlich davon abhängig, wo sie spielt, das ist jedenfalls meine Meinung...

Aber gut: "Die 5. Passion" ist also - wie erwähnt - kein solcher Regionalkrimi, auch wenn die Geschichte mit teilweise ziemlich akribisch genauen Ortsbeschreibungen der Schauplätze (hier vor allem Leipzig und Paris, am Rande aber auch Köln) aufwartet.

Zu Beginn und dann auch wieder gegen Ende des Romans herrscht auch eine gute Mischung aus Spannung und geheimnisvoller Atmosphäre: Zu Beginn eben dann, wenn der obligatorische "Eröffnungsmord" geschieht und die handelnden Figuren im Nachgang hierzu festzustellen beginnen, dass da irgendwas nicht stimmen kann und offenbar mehr dahinter steckt, als es zunächst den Anschein hat und gegen Ende, wenn man als Leser dann gerne wissen möchte, wie denn die ganze Geschichte jetzt zu einem möglichst runden Ende geführt und alle im Verlauf der Lektüre aufgetauchten Rätsel zu einer hoffentlich befriedigenden Auflösung gelangen.

Dazwischen liegen in "Die 5. Passion" einige ziemlich ausführliche Passagen, in denen der Autor dem Leser natürlich die Bedeutung und die Entschlüsselung der geheimen Botschaft (und ihre Bedeutung) erklären muss - da wird dann viel geredet und erläutert (was ein bisschen auf Kosten der Weiterentwicklung der Handlung geht, aber unvermeidlich zu sein scheint, da sonst die Motivation der einzelnen Mitwirkenden nicht wirklich klar werden würde) und wer sich nicht wirklich für klassische Musik im Allgemeinen und die Kompositionen Johann Sebastian Bachs im Besonderen interessiert, dem könnte hier das ein oder andere Kapitel doch etwas langatmig erscheinen…

Ich fand die Konstruktion, mit der Autor Oliver Buslau seine im Rahmen der Romanhandlung natürlich logisch erscheinenden Theorien auf der Basis von Erkenntnissen, die zahlreiche Bach-Forscher in den vergangenen Jahrzehnten aus dessen Partituren herausgelesen haben wollen, schon ziemlich gelungen - der Autor hat sich immerhin gründlich Gedanken gemacht, wie er seine Geschichte um die verschlüsselte Botschaft in der verschollenen Bach-Partitur zumindest in Ansätzen plausibel nachvollziehbar rüberbringt (und dabei auch den Leser mitzunehmen versteht, der sich bislang eher weniger bis gar nicht mit solchen Dingen beschäftigt hat). Das Ganze schlüssig so zusammenzusetzen hat den Autor bestimmt eine Menge Arbeit gekostet, aber die teilweise recht lang geratenen Erklärungspassagen, die dafür notwendig waren, zeigen, warum man bislang "Mystery-Thriller" im Bereich der Notenhandschriften eher seltener antrifft: Verschlüsselte Botschaften, in alten Pergamentrollen oder in Gemälden versteckt, erklären sich offenbar irgendwie schneller und nicht jeder Autor legt dabei wirklich viel Wert auf eine einigermaßen plausible Begründung, so gesehen also ein großes Lob an den gründlich und sorgfältig vorgehenden Autor dieses Buches!
Dass hierbei einige Fakten zu Bachs Biographie und seinem kompositorischen Schaffen zwangsläufig "passend gemacht" werden müssen, damit sie für die Story wirklich Sinn ergeben, muss man wohl hinnehmen, obgleich ich das dann schon wieder etwas ärgerlich fand. So wird Bach unter anderem fast ausschließlich als Komponist geistlicher Musik rübergebracht, dessen kompositorisches Gesamtwerk von der ersten bis zur letzten Note einer absichtsvollen, quasi göttlichen Ordnung unterworfen ist, also einer Art bewusstem Lebensplan unterlag, in dem jede einzelne komponierte und niedergeschriebene Note eine tiefere Bedeutung besitzt.
Naja - das ist natürlich schon starker Tobak, aber das Ganze ist ja nur ein Roman, der sich allerdings immerhin um eine möglichst logische Konstruktion des darin enthaltenen "Mysteriums" bemüht und da sollte man dann meiner Meinung nach auch um eine möglichst authentische Schilderung von Bach und seinem kompositorischen Werk bemüht sein und nicht einfach Fakten unterschlagen, die gerade nicht so recht passen wollen - wobei mich schon interessiert hätte, wie der Autor die Tatsache untergebracht hätte, dass Bach als "Fünfter Evangelist", der den Menschen quasi göttliche Botschaften in seiner Musik vermittelt, z. B. eben auch ganz "profane" Unterhaltungsmusik für's Caféhaus komponiert und höchstpersönlich dort aufgeführt hat…

Oliver Buslau wagt einen etwas skurrilen Spagat, um dem Leser in diesem Roman eine Identifikationsfigur liefern zu können, mit der dieser dann auf Entdeckungsjagd gehen kann:
Die Hauptperson ist die berühmte, kurz vor ihrem internationalen Durchbruch stehende Opernsängerin Gwendolyn Fischer, deren Zugang zur Musik bislang ausschließlich auf der emotionalen Ebene erfolgte und die jegliche wissenschaftlich-theoretische Herangehensweise an Kompositionen verabscheut, was sie verständlicherweise in einen Konflikt zu ihrem Vater, einem Professor für Musikwissenschaft und bekannten Bach-Forscher bringt.
Mit Gwendolyn Fischer schafft Buslau also eine Figur, die - wie wahrscheinlich die meisten Leser seines Krimis - (klassische) Musik in der Hauptsache also durch bloßes Anhören oder Musizieren kennen- und liebengelernt hat und für die die ganze Musiktheorie in der Regel ein Buch mit sieben Siegeln ist, die obendrein für das Genießen und Erleben von Musik nicht unbedingt erforderlich, vielleicht sogar eher hinderlich ist.
So weit, so gut. Allerdings frage ich mich, ob man das ganze Spiel dann wirklich so weit treiben muss, dass diese immerhin studierte Sängerin noch nicht einmal richtig Noten lesen oder die einfachsten Intervalle bestimmen kann, weil ihr auch das alles ebenfalls viel zu theoretisch ist und sie ihre Partien dank eines phänomenalen Gedächtnisses lieber rein akustisch lernt?!? Wie Frau Fischer es so jemals geschafft haben will, ein Gesangsstudium an einer Hochschule zu absolvieren, wird leider dem Leser nicht erklärt - denn auch ein solches Studium enthält viele garstige theoretische Pflichtfächer und Übungen, die man bestehen muss, um einen Abschluss zu erlangen: Kontrapunkt, Harmonielehre, spontan und ohne Vorbereitung etwas "Vom-Blatt-Singen" können, etc.

Gerade für praktizierende Musiker ist die Notenschrift doch eher eine unglaubliche Hilfe als eine theoretische Belastung - und gerade wenn man musiziert, erschließt sich einem die Notenschrift doch fast ganz automatisch (während diese zugegebenermaßen für Leute, die nie ein Instrument gespielt oder gesungen haben, wirklich oft ein reines Theoretikum bleibt) - ich könnte ja verstehen, wenn man weitergehende Musiktheorien ablehnt, aber Noten lesen zu können, ist nun wirklich keine Hexerei - und für einen professionellen (klassisch ausgebildeten) Musiker in der heutigen Zeit wohl absolute Grundvoraussetzung!

Ich hatte während der Lektüre immer darauf gewartet, dass irgendwo noch der raffinierte Handlungsknackpunkt kommen würde, an dem es sich plötzlich als genialer (wenn, wie gesagt, auch recht unrealistischer) Schachzug des Autors erweisen würde, dass die Hauptfigur des Romans zwar wunderbar singen aber eben unerwarteterweise keine Noten lesen kann - aber genau dieser Punkt blieb leider aus, so dass ich mich im Nachhinein wirklich gefragt habe, warum Buslau dann dieses somit völlig überflüssige (weil eben so unwahrscheinliche) "Manko" seiner Heldin überhaupt in Kauf genommen hat?! Er stellt seine Hauptfigur damit zwar wirklich endgültig einem in musikalischen Dingen (bis auf das Zuhören) völlig unbeleckten Leser an die Seite, aber dieser würde - da bin ich ganz sicher - Gwendolyn Fischer auch als Identifikationsfigur akzeptieren, wenn diese Noten würde lesen können, wie man es von einer professionellen Sängerin auch erwarten dürfte. Denn diese Fähigkeit der Hauptfigur - soviel sei hier gesagt - würde die Entwicklung der ganzen Geschichte auch nicht anders verlaufen lassen, so dass wirklich die Frage nach dem "Warum?" für diese Entscheidung des Autors bleibt.

Überrascht hat mich übrigens auch, dass die zu Beginn des Romans relativ ausführlich eingeführten Leipziger Kriminalpolizisten im Verlauf des Buches zu absoluten Nebenfiguren degradiert werden und für die weitere Handlung wider Erwarten keine größere Bedeutung mehr bekommen. Da hätte man sich dann sicher einiges an Details sparen können - so etwas finde ich immer etwas ärgerlich, wenn der Leser einer Geschichte erst mit durchaus interessant erscheinenden Charakteren bekannt gemacht, seine so geweckte Neugier dann allerdings enttäuscht wird.

Dankenswerterweise hat Oliver Buslau in einem erläuternden Nachwort einige Punkte zu dem, was er in seinem vorangegangenen Roman thematisiert hat, näher erklärt und auch einige Dinge erwähnt, die er sich selber ausgedacht hat - genauso wie er aber auch Tatsachen erwähnt, die tatsächlich passiert sind und die ihm beim Schreiben als Inspiration und Anregung sehr gelegen kamen. So gesehen war es wirklich interessant, sich während der Lektüre dieses Buches einmal in die Gedankenwelt solcher Forscher hineinzuversetzen, die tatsächlich ernsthaft Partituren (nicht nur, aber wohl bevorzugt) von Johann Sebastian Bach auf darin versteckte Zahlensymboliken untersuchen und dafür auch bereit sind, die Takte der gesamten Matthäus-Passion zu zählen oder zu schauen, wie oft spezielle Töne, Intervalle oder Motive sich in Kompositionen wiederholen, etc., um daraus dann Zahlen zu erhalten, die wiederum weitere, in der Regel religiös motivierte Botschaften in sich bergen sollen.
Damit beschäftigen sich, das bekommt man immer wieder einmal mit, zumindest zeitweise tatsächlich mehr Wissenschaftler, als man meinen sollte - ob das Ganze wirklich irgendwelche erhellenden Erkenntnisse bringt, weiß ich allerdings auch nicht. Allenfalls vielleicht das Wissen darüber, dass Bach entweder unbewusst oder auch aus intellektuellem Vergnügen heraus derartige Zahlenbezüge in einige seiner Kompositionen eingearbeitet hat - auch wenn er selber zu dieser Thematik nie irgendwelche Hinweise oder Kommentare hinterlassen hat.
Aber meiner Meinung nach macht das alles Musik auch nicht besser oder schlechter; entweder eine Komposition ist gelungen oder eben nicht, wenn nicht, dann können etwaig in den Notentexte integrierte Zahlenspielchen da auch nichts mehr retten…

So hin- und hergerissen ich also während der Lektüre dieses Romans war - gut unterhalten habe ich mich auf jeden Fall, sowohl als Klassikfan wie zum großen Teil auch vom spannungstechnischen Aspekt her.
Und was will man von einem Buch aus der Kategorie Roman-Krimi-Thriller-Mystery anderes erwarten als gerade eben das?

Donnerstag, 10. März 2011

Buchtipp: Wer schrieb Beethovens Zehnte?


Hier hat der Buchtitel seine Wirkung nicht verfehlt: Kaum hatte ich ihn gelesen, war meine Neugier sofort geweckt! *grins*

Harald Asel:
Wer schrieb Beethovens Zehnte?
Alles was Sie über Musik nicht wissen


Bei diesem im Jahr 2008 im Eichborn-Verlag erschienenen Buch handelt es sich um eine vergnügliche Zusammenstellung interessanter Fakten, Geschichten und Fragestellungen, mit denen wohl jeder Klassik-Fan irgendwann einmal konfrontiert wurde - und auf die man nicht unbedingt immer sofort eine passende Antwort hat, bzw. man nicht auf Anhieb weiß, wo genau man da mal schnell nachschlagen könnte...

Auf 280 Seiten hat der Autor, der Musikwissenschaftler und Kulturjournalist Harald Asel einige solcher im wahrsten Sinne des Wortes "klassischen Fragen" zusammengestellt und beantwortet diese in einem informativen, gut und unterhaltsam zu lesenden Plauderton - und das stets mit einem sympathischen Augenzwinkern, was wieder einmal beweist, dass das ganze Gebiet der klassischen Musik keinesfalls immer so intellektuell-abgehoben angegangen werden muss, wie man es leider viel zu oft mitbekommt (und was ja viele potentiell Interessierte stets wieder aufs Neue abschreckt), sondern dass man auch bei der Vermittlung von Hintergrundwissen Spaß haben sich dabei gut unterhalten lassen kann!

Das Konzept von Beethovens Zehnter erinnerte mich ein bisschen an das von mir im letzten Herbst vorgestellte Buch Einsteins Violine, allerdings besteht der Einstein hauptsächlich aus mehr oder weniger unkommentierten Listen, Tabellen und Zitatensammlungen(was ja auch sehr unterhaltsam sein kann), während es sich im hier vorgestellten Buch bei allen (erneut augenzwinkernd) strikt alphabetisch nach Stichwörtern sortierten Themengebieten um ausformulierte Artikel handelt.

Zum Neugierigmachen hier mal ein paar Überschriften:

-Absolutes Gehör
-Brennendes Rom
-Coburgs Walzerkönig
-Dirigentin, erste
-Doppelt und dreifach vertont
-erfundene Musikgeschichte
-Fälschlich zugeschrieben
-Historische Momente auf dem Theater
-Kammerton a
-Köchel, Hoboken & Co. (Werkverzeichnisse)
-Kollegenlob und -schelte
-Klarinettenersatz, wetterfester (die Geschichte des Saxophons)
-Mannheimer Raketen
-Neun, Mythos der Zahl
-Oeuvres, schmale und überbordende
-Plagiatsverdächtig
-Primadonnengezeter
-Sitzordnung im Orchester
-Syphilitiker
-Taktstock
-Thomaskantoren
-Wahnsinnige (auf und hinter der Bühne)
-Zahlensalat bei Schubert

Ich ertappe mich zur Zeit ständig dabei, dass ich beim oberflächlichen Rumblättern stets wieder irgendwo hängen bleibe und ganz unbewusst ans Schmökern komme :-)
Es gibt einfach zu viele interessante Themen, die Harald Asel da anreißt!

Kritisieren würde ich vor allem die etwas irritierende Tatsache, dass auf jeder Seite außen ein Drittel freigelassen wurde, was ich für eine ziemliche Platzverschwendung halte, wenn man das mal auf die Gesamtseitenzahl dieses Buches umrechnet! Mich erinnert das Ganze an den Korrekturrand, den man in der Schule immer bei Klausuren freilassen musste - erwartet man das hier etwa vom Leser?

Das bringt mich auf den zweiten Kritikpunkt: Der Lektor hätte hier mal ein bisschen genauer hinschauen sollen vor der Druckfreigabe - es gibt hier ärgerlicherweise doch einige Druck- oder Schreibfehler, die nicht hätten sein müssen!
Und als Musikfreak findet man natürlich auch häufig irgendwelche Stellen, an denen man selber noch Ergänzungen oder Korrekturen hätte anbringen wollen (die kann man jetzt ja auf den breiten Seitenrand notieren...) - eine Vollständigkeit, die jeden Leser und jede Leserin zufriedenstellt, kann es eh nicht geben, dazu ist das Sachgebiet einfach zu umfangreich!
Aber zumindest bei der "Titelgeschichte", die sich um Beethovens 10. Symphonie dreht, hätte ich mir doch einen Hinweis auf existierende Skizzen zu einer solchen Symphonie des großen Bonners gewünscht, die von der Menge und der musikalischen Substanz her immerhin ausgereicht haben, dass sich Musikwissenschaftler ernsthaft mit einer Rekonstruktion bzw. Vollendung dieser nun wirklich allerletzten Symphonie Beethovens (oder zumindest eines Satzes?) beschäftigt haben!
Ich kann mich erinnern, dass in den Neunzigern eine Neuaufnahme aller Beethoven-Symphonien auf den Markt kam (bei PHILIPS Classics???), die auf dem Box-Cover plakativ mit der "10" warb (ihr war aber - glaube ich - kein allzugroßer Erfolg beschieden). So ein Projekt hätte der Autor meiner Meinung nach aber in seinem Artikel zu diesem Thema zumindest kurz erwähnen müssen, statt das Ganze ausschließlich auf den Ausspruch des Musikkritikers Eduard Hanslick abzustellen, der die erste Symphonie von Johannes Brahms aus dem Jahr 1876 letztlich als "Beethovens Zehnte" bezeichnete, um diesem Werk damit quasi das höchstmögliche Lob auszusprechen.

Naja - hiervon abgesehen ein wirklich gelungenes Buch, dessen Lektüre jedem Klassik-Fan mit Sicherheit Vergnügen und eine Menge zusätzlichen Wissens bringen dürfte!

Montag, 18. Oktober 2010

Buchtipp: Einsteins Violine

Als ich so ca. 13 oder 14 Jahre alt war, habe ich ein kleines Taschenbuch geschenkt bekommen mit dem Titel "Wissenswertes von A-Z" (ich glaube, es war bei Bertelsmann erschienen) und in diesem kleinen Bändchen konnte ich stundenlang rumblättern - irgend etwas gab es immer wieder zu entdecken: Das Buch bestand aus einer eigentlich ziemlich zusammenhanglosen Sammlung interessanter und teils auch recht belangloser Fakten und Zahlen. Da gab es eine Liste der Austragungsorte der Olympischen Spiele seit 1896, gefolgt von kleinen Bildchen, die erläuterten, wie man die gängigsten Krawattenknoten bindet, dann wiederum eine Liste der höchsten Gebäude der Welt, der wiederum militärische Dienstgrade der Bundeswehr (mit zugehörigen Abbildungen) und das griechische Alphabet folgten. So ging das immer weiter: Auf jeder Seite gab es irgendwelche interessanten und teils auch kuriosen Kleinigkeiten zu finden, die man so oder so eigentlich immer schon mal wissen wollte.
Ich habe das Buch geliebt - und besitze es immer noch.
Mittlerweile habe ich entdeckt, dass es offenbar schon seit ein paar Jahren wieder Bücher mit derartig wissenswert-skurrilen Faktensammlungen gibt: Unter dem Titel "Schotts Sammelsurium" gibt es gleich ein paar Titel mit solchen Listen; neben einem allgemeinen Band sind mir schon Themenbücher zu "Sport, Spiel und Müßiggang" und "Essen & Trinken" begegnet.

Jetzt fragt sich der Musikfreund natürlich zu Recht: "Und was ist mit uns?"
Und da habe ich vor ein paar Wochen tatsächlich genau das Richtige entdeckt:
Unter dem Titel "Einsteins Violine - Ein musikalisches Sammelsurium", ganz frisch erschienen beim Münchner C. H. Beck-Verlag, haben die Autoren Winfried Bönig und Tilmann Claus (beide sind Professoren an der Kölner Musikhochschule) auf knapp 160 Seiten zahlreiche interessante, überraschende, skurrile und lustige Fakten aus dem Bereich der Musik in bewährter Form zusammengetragen. ... und schon fing bei mir die Blätterei wieder an *lach*
Ein tolles und wirklich originelles Buch, auf das ich als Klassik-Fan (und langjähriger Freund solcher Listenwerke) lange gewartet habe!

Eine kurze Auswahl der angebotenen Themen und Listen:
-Abkürzungen im Notentext
-Die juristische Beurteilung des Rings der Nibelungen
-Einige Opern mit biblischen und religiösen Motiven
-Was man für den Bau einer Geige oder einer Orgel braucht
-Einige Stücke, die 1810 bzw. 1910 komponiert wurden
-Unvollendete Werke
-Orchestersitzordnungen
-Beethovens Kleiderschrank
-Komponisten, nach Anzahl der komponierten Streichquartette sortiert
-Die Zutaten für Gioacchino Rossinis Lieblingsgericht Cannelloni

... und so weiter und so fort...

Neugierig geworden? Bei mir hat es jedenfalls funktioniert - und ich bin bisher nicht enttäuscht worden von dieser musikalischen Fakten-Fundgrube!

P.S. (für Klugscheißer): Ein paar Kleinigkeiten in diesen Listen wären noch korrektur- bzw. ergänzungsbedürftig (nobody's perfect), aber die Autoren ermuntern direkt zu Beginn alle Leser, diesbezügliche Anregungen und Kritik an die Redaktion zu schicken - ob ich das wohl mal ausprobieren sollte...? *zwinker*

Montag, 4. Oktober 2010

Buchtipp: LP-Cover Klassik

Es ist schon eine Weile her, dass ich hier zuletzt ein Buch vorgestellt habe (eigentlich wollte ich das ja viel häufiger tun...), heute gibt es aber nun endlich mal wieder einen Buchtipp vom KLASSIKer:


Classique - Cover Art for Classical Music
(Herausgegeben von Horst Scherg)
Die Gestalten-Verlag, Berlin (2008)


Ein wirklich schönes und opulentes Bilderbuch für den Klassik-Fan und Plattensammler - ich habe schon mehrfach ausgiebig darin rumgeblättert und entdecke immer wieder Neues auf den 224 Seiten dieses Bildbands, in dem insgesamt 777 Klassik-LP-Cover von den 1940er bis in die 1980er Jahre zu sehen sind.

Meines Wissens gibt es solche LP-Cover-Bildbände aus der Pop-, Rock- und Jazz-Sparte schon seit Jahren, ein entsprechender Band aus dem Klassik-Sektor war also mal überfällig!

Die knappen, erläuternden Texte in diesem Buch sind komplett (aber gut verständlich) auf Englisch geschrieben - die Hauptrolle spielen aber natürlich die vielen LP-Cover, die, zum Teil nach Entstehungsjahren, Plattenlabels oder Motivthemen geordnet, eine tolle Vielfalt von kitschig über kurios bis zeitlos bieten.
Sehr schön kann man auch nachvollziehen, wie sich der Geschmack in den Bereichen Grafik und Design im Lauf der Jahrezehnte änderte: Angefangen bei den eher funktionalen und oft sehr nüchtern wirkenden Covern vom Ende der Vierziger/ Anfang der Fünfziger (also aus den "Geburtsjahren" der LP) bis hin zu den oft quietschbunten, teils sehr fantasievollen und detailreichen Covern aus den Sechzigern und Siebzigern - zu der Zeit hatte man längst erkannt, dass das großflächige LP-Cover nicht nur einen wunderbaren Werbeträger abgab, sondern eben auch eine ganz neue Fläche für Malerei, Grafik, Fotokunst, etc. bot.
Durch seine alltägliche Verwendung und (zumindest teilweise) große Verbreitung stellt das LP-Cover somit einen nicht zu vernachlässigenden Bereich der für das 20. Jahrhundert so charakteristischen "Gebrauchskunst" dar.

Als zu Beginn der Achtziger dann die CD auf den Markt kam und die LP innerhalb weniger Jahre fast vollständig verdrängte, war die große Zeit der Cover-Kunst dann auch schon wieder vorbei - ein CD-Cover bietet halt leider nur ungefähr ein Viertel der Fläche eines LP-Covers, da bleibt meist kein Platz mehr für aufwendige, detailverliebte Bilder oder Fotos (obwohl auch hier vielleicht einmal ein Blick in die Archive von mittlerweile ja auch schon fast 30 Jahren CD-Cover-Geschichte lohnen würde)...

Der Bildband ist also eine etwas nostalgisch stimmende Hommage an die große Zeit der LP und ihre unglaublich vielfältigen Umhüllungen - und bestimmt auch ein toller Wunsch/ Geschenktipp für Weihnachten! ;-)

Mittwoch, 25. August 2010

Musiker-Anekdoten


Wie an verschiedenen Stellen hier im Blog schon zu merken war, mag ich geistreiche, gerne auch ironisch-bissige Bemerkungen, Aphorismen oder eben Bonmots sehr gerne.

Aber auch oft hiermit in Verbindung stehende kleine Anekdoten oder Witze lese ich immer wieder gern. Am liebsten natürlich, wenn sie auch noch aus dem Bereich der Musik stammen, versteht sich :-)
Gerade der Konzert- und Opernbetrieb (vor und natürlich hinter den Kulissen!) mit seinen vielen interessanten, manchmal etwas verschrobenen oder exzentrischen Künstlerpersönlichkeiten bietet ja einen schier unerschöpflichen Fundus an originellen Situationen und Äußerungen, von denen immer wieder mal einige in Sammlungen erscheinen.Ich habe schon einige dieser meist handlichen Bändchen im Lauf der Jahre in meiner Bibliothek versammelt und lese immer wieder gerne darin. Man findet hier neben amüsanten Geschichten über berühmte Komponisten, Sängerinnen, Dirigenten, etc. auch Musiker- und Orchesterwitze aller Art, geistreiche Wortspiele und noch einiges mehr aus der Welt der Musik. Leichte und kurze Lektüre für zwischendurch, die gute Laune macht - was will man mehr? Ich kann Büchlein wie die hier vorgestellten jedenfalls nur empfehlen!
Hier zum Appetitanregen ein paar kurze Kostproben aus dem Band "…fast ein Meisterwerk" von Stefan Pflicht (erschienen bei Piper Schott/ Atlantis Musikbuch):
Nach dem Tode des Komponisten Giacomo Meyerbeer [1791-1864] kam ein Neffe des Verstorbenen zu Rossini [1792-1868] und spielte ihm einen selbstkomponierten Trauermarsch vor. Darauf meinte Rossini: "Es wäre besser gewesen, Sie wären gestorben und Ihr Onkel hätte den Trauermarsch komponiert!"

Nach dem Fünfuhrtee brachte die Dame des Hauses ihren Gästen eine Arie aus Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail zu Gehör. Da öffnete sich die Salontür und ein älterer Herr fragte besorgt: "Hat hier jemand um Hilfe gerufen?" Da flüsterte ein Gast seinem Nachbarn zu: "Wahrscheinlich Mozart!"

Während eines Hauskonzerts wurde plötzlich die Tür aufgerissen und ein Polizist trat ein. Der Hausherr ging auf den Ordnungshüter zu und fragte: "Was wollen Sie? Ist etwas passiert?" "Ja", meinte der Polizist, "soeben verließ ein Herr ganz aufgeregt dieses Haus und rief, er könne es nicht ertragen, dass hier ein gewisser Herr Wagner grausam misshandelt wird…"

Der Heldentenor Heinrich Knote [1870-1953] brauchte besonders lange zum Einstudieren seiner Partien. Als ihn einmal ein Freund in seinem Haus am Starnberger See besuchen wollte, hörte er, dass Knote an der Partie des Tristan arbeitete. Erstaunt fragte er das öffnende Hausmädchen: "Der Herr Kammersänger studiert den Tristan doch schon seit Wochen, kann er die Rolle denn immer noch nicht?" Darauf erklärte das Hausmädchen verzweifelt: "Ich kann die Partie, die Frau Knote kann die Partie, die Nachbarn können die Partie und auch unser Dackel kann die Partie - nur der Herr Kammersänger kann sie immer noch nicht!"

Enrico Caruso [1873-1921] gastierte in Puccinis Oper La Bohème am Münchner Nationaltheater. Eine Kulisse fiel um und streifte den Sänger so hart am Kopf, dass er sich hinlegen musste. Der Theaterarzt wurde geholt, aber der Unfall erwies sich als harmlos und Caruso konnte weiterspielen. Als sich der Intendant von seinem Schrecken erholt hatte und nach der Vorstellung erleichtert das Theater verließ, meinte der alte Pförtner: "Herr Intendant, wenn der Caruso invalid geworden wär', hätten wir ihn totschlagen müssen, denn eine lebenslange Rente hätten wir ihm nicht zahlen können."

Der für seinen Sarkasmus bekannte Hans Pfitzner [1869-1949] probte seine Oper Das Christ-Elflein. Nach dem Textbuch sang die junge Hauptdarstellerin: "Ich bin ja so dumm!" Da rief Pfitzner zur Bühne hinauf: "Mein Fräulein, bitte nicht so überzeugend!"

Der diktatorische Arturo Toscanini [1867-1957] hatte wieder einmal Streit mit einem Sänger. Wütend schrie er ihn an: "Ich weiß, es ist das Vorrecht der Tenöre, dumm zu sein. Aber Sie, mein Herr, missbrauchen Ihre Rechte!"

Montag, 25. Januar 2010

Buchkritik: "Vita Classica" von Steffen Möller

Auch für gelegentliche Buchkritiken sollte hier in diesem Blog Platz sein, vor allem natürlich dann, wenn sich besagte Bücher auch noch um (klassische) Musik drehen - und da gibt es ja erfreulicherweise doch schon eine ganze Menge von!

Anfangen möchte ich mit einem Buch, das ich im Herbst 2009 gelesen habe:



Zunächst muss ich voranschicken, dass ich 2008 bereits Steffen Möllers Buch "Viva Polonia" sehr gerne gelesen habe - ein meiner Meinung nach längst überfälliges Buch, das wirklich neugierig auf mehr "Polonia", also unseren immer noch recht unbekannten Nachbarn im Osten, machte..

Neugierig war ich also schon, als ich mitbekam, dass Steffen Möller ein zweites Buch geschrieben hat - eben "Vita Classica", ein Buch, in dem es ebenfalls um ein nach wie vor für viele Mitmenschen unbekanntes Terrain geht, diesmal jedoch eines der ganz anderen Art: Die große Wunderwelt der klassischen Musik!
Zunächst war ich ganz erstaunt über das Thema dieses Buches: Ich hätte nie gedacht, dass man über ein eigentlich ziemlich unscheinbar wirkendes Thema gleich ein ganzes Buch schreiben könnte, bzw. war dann aber auch wieder ganz überrascht, dass das offenbar noch niemand vor Steffen Möller getan hat...

Denn das Thema des Buches ("Junger Mensch begeistert sich für klassische Musik - wie reagiert nun sein Umfeld, also Familie, Freunde, Schulkameraden, Kommilitonen, etc. auf diesen für gefühlte 95% der Mitmenschen absonderlichen Musikgeschmack, bzw. wie verhält man sich selber als Klassik-Fan in dieser von Rock und Pop dominierten Welt?") betrifft mich auch in ganz erheblichem Maße, habe ich doch eine ähnliche Jugendzeit hinter mir und sah mich vor ebendiese Probleme auch immer wieder gestellt - aber auf die Idee, darüber gleich ein ganzes Buch zu schreiben, bin ich (leider) noch nicht gekommen....!

Meine Erwartungshaltung diesem Buch gegenüber war also entsprechend groß - ich hatte absolut keine Ahnung, wie man ca. 480 Seiten mit einem Thema wie diesem würde füllen können...
Nach der Lektüre muss ich sagen: Es erweist sich auch für Autor Möller als problematisch - der Schwerpunkt des Buches "Vita Classica" liegt dann auch über weite Strecken nicht auf "Classica" sondern auf "Vita" - Möller erzählt ausführlich aus seinem mittlerweile auch schon 40 Jahre währenden Erdendasein, seiner Jugend in Wuppertal, Studienzeit in Berlin (Philosophie) und - natürlich! - seinem heutigen Leben in Polen. Das ist natürlich eine nette Ergänzung zu seinem ersten Buch "Viva Polonia", zumal er sich dankenswerterweise durchaus mögliche Wiederholungen gewisser Schlüsselerlebnisse seiner polnischen Vita (und wie es ihn überhaupt dahin verschlagen hat) weitestgehend erspart.
Andererseits muss man aber auch sagen, dass es in dem Buch leider viele Passagen gibt, die über ziemliche Längen verfügen (das hat auch der Vater des Autors schon kritisiert, wie Möller am Ende seines Buches freimütig einräumt) - wozu dient z. B. die ziemlich ausführliche Beschreibung eines Griechenland-Trips (der für die weiteren Geschehnisse allerdings ohne große Folgen bleibt), wenn die ganze Quintessenz dieser Erlebnisse eigentlich nur darin liegt, dass der Autor hierüber konstatiert, dass diese 6-wöchige Auszeit am Mittelmeer die längste Zeit in seinem bisherigen Leben darstellte, in der er (von zwei kleinen Ausnahmen abgesehen) einmal keine klassische Musik gehört hat?
Solche für mich als Leser eindeutig zu ausführlich behandelte Episoden gibt es leider zahlreich in diesem Buch (so bringt man es eben auch auf knapp 500 Seiten!), seien es Erlebnisse mit einer radikalen Theatergruppe, Sommerferien-Deutschkurse in Russland oder ein für Nicht-Philosophie-Bewanderte ziemlich ermüdendes (weil wenig erhellendes) Name-Dropping irgendwelcher Autoren und Fachbegriffe: Oft liest man in diesem Buch zu viel über die "Vita" und dann leider eher weniger über die "Classica"...
Vielleicht habe ich - aus Neugierde über dieses mich persönlich eben auch sehr betreffende musikalische Thema - falsche oder übersteigerte Erwartungen an das Buch gehabt, jedenfalls war ich am Ende doch ein bissel enttäuscht...

Wenn Steffen Möller aber dann über seine Klassik-Liebe und seine hiermit zusamenhängenden Erlebnisse und Erfahrungen mit seinem Umfeld schreibt, habe ich viel auch für mich Bekanntes und Amüsantes gelesen - das hat mir schon sehr gefallen! Und der Fairness halber - es sollte jetzt auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass Möller kaum etwas über Klassik, dafür aber (zu)viel aus seinem Leben erzählen würde: Zum Einen hängt beides eh viel zu eng zusammen (das weiß ich aus eigener Erfahrung) und zum Anderen muss ja das Umfeld auch beschrieben werden, bevor man seine Erlebnisse schildern kann, sonst versteht der Leser ja nichts. :-)
Ich hatte bloß halt nicht damit gerechnet, dass das Buch tatsächlich eine veritable Biographie ist - irgendwie hatte ich mir das Konzept zu diesen "Bekenntnissen eines Andershörenden" (so der Untertitel des Buches) eben etwas anders vorgestellt, aber da kann ich dem Autor ja nun keinen Vorwurf machen...
Wie weit das Spektrum des "Klassik-Fans" gefächert ist, zeigt sich übrigens darin, dass Steffen Möller mit seiner Vorliebe für Symphonik des 19. Jahrhunderts (und hier vor allem Bruckner) so gar nicht auf meiner persönlichen musikalischen Wellenlänge liegt: Ich liebe Barockmusik und vor allem Opern - beides Terrains, von denen der Autor zugibt, dass er hier noch einiges zu entdecken hätte :-)
Man sieht also: Klassik-Fan muss noch lange nicht gleich Klassik-Fan sein, auch hier gibt es viele, viele unterschiedliche Typen. Bei der Lektüre des Buches hatte ich ab und an den Eindruck, dass ein "Nicht-Klassiker" vielleicht ein etwas einseitiges Bild von unsereins vermittelt bekommt - aber es ist ja auch Möllers "Vita Classica", die da üppigst und ausführlichst vor dem Leser ausgebreitet wird und nicht meine :-)

Fazit:
Etwas mehr Kürze wäre sicher nicht schlecht gewesen - bei vielem hätte man schneller auf den Punkt kommen können. Ich persönlich hätte mir hingegen noch ein bisschen "Mehr" zum Thema Klassik gewünscht - wann findet man schon einmal ein solches Buch eines Gesinnungsgenossen ;-)

P.S.: Wie schon für das Buch "Viva Polonia" hätte ich mir auch hier sehr gewünscht, wenigstens ein paar kleine Hinweise für Unwissende vorzufinden, wie man die hin und wieder abgedruckten polnischen Wortungetüme wenigstens ansatzweise auszusprechen hat, ohne dabei einen Knoten in die Zunge zu bekommen... in beiden Fällen leider vergeblich :-(

P.P.S.: Ich schlafe NIE bei geschlossenen Fenstern, habe es nie getan und werde das auch nie tun (soviel zu einer der Theorien des Autors, wie man bereits im Teenie-Alter zum Klassik-Fan weden konnte)!