Mittwoch, 17. November 2010

Requiem-Vertonungen: Johann Adolf Hasse

Über Johann Adolf Hasse (1699-1783) und sein ereignisreiches Leben (vor allem seine Zeit als Opernkomponist in Italien) hatte ich im Post über seine Oper Cleofide ja schon etwas geschrieben.

Nach dem Erfolg der besagten Cleofide, die 1731 in Dresden uraufgeführt wurde, war Hasse der Posten des Kapellmeisters am kurfürstlich-sächsischen und königlich-polnischen Hof zugefallen, allerdings trat er diesen erst nach dem Tod von August dem Starken (1670-1733) unter der Herrschaft seines Sohnes und Nachfolgers Friedrich August II. (1696-1763) an.
Friedrich August II. war ein großer Kunstmäzen und so war es nur konsequent, dass er mit Hasse den wohl berühmtesten und beliebtesten (Opern-) Komponisten seiner Zeit an seinen Hof verpflichtet hatte. Gut passte es in diesem Zusammenhang auch, dass mit Hasses Ehefrau Faustina, geb. Bordoni (1697-1781) auch gleich noch die wohl begehrteste Primadonna Europas mit nach Dresden kam! Ein weiterer Vorteil war, dass Hasse, der ja eigentlich nordeutscher Protestant war, in Italien zum Katholizismus übergetreten war - damit passte er gut an den sächsischen Hof, der mit der Übernahme der polnischen Königskrone unter August dem Starken ab 1697 ja ebenfalls zum Katholizismus gewechselt war. So konnte Hasse gleichzeitig auch noch die (katholische) Kirchenmusik für den Dresdner Hof komponieren.

Die Hasses blieben nun für 30 Jahre in Dresden und als Friedrich August II. im Oktober 1763 starb, war der sächsische Hof nach der unglückseligen Beteiligung Sachsens am Siebenjährigen Krieg (1756-1763) pleite und alle Bedienten (zumindest die im künstlerischen Bereich tätigen) wurden fristlos entlassen.

Zum Tode seines langjährigen Dienstherren komponierte Hasse noch sein Requiem in C-Dur, dass zu den (trotz allem barock-prunkvollen) Begräbnisfeierlichkeiten gespielt wurde.

Diese ungefähr 50-minütige Missa pro defunctis, die ein umfangreich besetztes Orchester erfordert (unter anderem mit Hörnern, Pauken und Trompeten) teilt Hasse wie folgt auf:

-Introitus
--Requiem aeternam
--Te decet hymnus
--Exaudi

-Kyrie
--Kyrie eleison
--Christe eleison - Kyrie

-Sequentia
--Dies irae
--Tuba mirum
--Mors stupebit
--Recordare
--Quaerens me
--Juste judex
--Inter oves
--Lacrimosa

-Offertorium
--Domine Jesu Christe
--Hostias

-Sanctus
-Benedictus
-Agnus Dei
-Communio

--Lux aeterna
--Requiem aeternam


In der Sequenz lässt Hasse allerdings 3 Strophen (ab dem Ingemisco) unvertont.

Insgesamt fällt der wirklich ausgesprochen heitere Tonfall der gesamten Totenmesse auf (allein die Wahl der Grundtonart C-Dur dürfte für ein Requiem schon etwas Besonderes sein!) - das Ganze klingt, ähnlich wie das festliche Requiem von Biber, für unsere heutigen Ohren nicht nach dem, was man landläufig mit den Klängen einer Totenmesse verbindet!
Aber das ist wohl der Tribut, den man einem Werk, das in der Barock, bzw. Rokoko-Zeit entstanden ist, zollen muss - damals zählten Repräsentation und Prunk als Symbol von Macht und Einfluss mehr als der Ausdruck persönlicher Trauer und das spiegelt die Musik, die zu solchen staatstragenden, hochoffiziellen Anlässen entstanden ist, eben eins zu eins wieder.
Michael Wersin schreibt in einem Konzertführer denn auch leicht ironisch
"Es überrascht im Introitus die für heutige Ohren recht aufgeräumte Marschmusik (...)"

Auch das Dies irae klingt mit seinen punktierten, fast tänzerischen Rhythmen alles andere als bedrohlich und man ist fast schon dankbar, wenn beim Tuba mirum wenigstens die Trompete erklingt... ;-)

Fazit: Wenn man es nicht wüsste, würde man beim Anhören dieses Requiems nicht darauf kommen, dass es sich hierbei wirklich um eine Totenmesse handelt.
So gesehen kann ich den Vorwurf gut verstehen, der, aus der Sicht des 19. Jahrhunderts, der geistlichen Musik aus der Zeit der Empfindsamkeit, Frühklassik und Wiener Klassik oft gemacht wurde: Sie klinge viel zu weltlich und damit unkirchlich - das galt zwar hauptsächlich für die großen Messen von Haydn und Mozart, lässt sich aber gut auch auf die Kirchenmusik von Johann Adolf Hasse und seine Zeitgenossen Mitte des 18. Jahrhunderts übertragen.

In Hasses C-Dur-Requiem fällt die Dominanz des Solo-Alts auf, so sind zum Beispiel die Sätze Exaudi, Recordare, Inter oves und das Benedictus für diese Stimmlage geschrieben. Hier klingt Hasses Musik dann auch ganz "à la mode", die einzelnen Sätze könnten auch als Arien in typischen Opern der Zeit auftauchen, auf allzu viel vordergründige Virtuosität und Koloraturen verzichtet Hasse hier allerdings.

Es gibt aber auch Sätze, in denen die Musik in kirchenmusikalischem Sinne etwas "traditioneller" klingt, zum Beispiel, wenn Hasse Fugen verwendet (unter anderem im Christe eleison, das, entgegen der Tradition, nicht als kontrastierender Solisten-Satz zwischen die beiden vom Chor gesungenen Kyrie-Sätze eingeschoben wird, sondern ebenfalls dem Chor vorbehalten bleibt).

Hasse konstruiert geschickt einen musikalischen Rahmen um sein Requiem, in dem er die ersten beiden und die letzten beiden Sätze dieser Messe musikalisch identisch ausführt - das etwas streng wirkende Te decet entspricht hierbei musikalisch dem Lux aeterna und die beiden Requiem aeternam-Ecksätze enthalten sinnigerweise ebenfalls die gleiche Musik, so dass sich ein großer Bogen schließt, was ich stilistisch gerade bei einer Totenmesse für einen guten Einfall halte (den man auch mit einem sich schließenden Lebenskreis vergleichen könnte).
Nicht nur in Mozarts berühmtem Requiem (das ja nicht von ihm selber vollendet werden konnte), wird man erneut auf diese gelungene Idee zurückkommen.

Mit ist derzeit nur eine Einspielung dieses C-Dur-Requiems bekannt (die im Laufe der Zeit mit verschiedenen Covergestaltungen immer wieder mal neu veröffentlicht wurde):
Es handelt sich um eine Aufnahme aus dem Jahr 1993 unter der Leitung von Paul Dombrecht, es singt und spielt das Ensemble Il Fondamento, wobei der Chor aus 16 Personen besteht. Solisten sind Greta De Reyghere (S), Susanna Moncayo von Hase (A), Ian Honeyman (T) und Dirk Snellings (B).
Erschienen ist diese klanglich wie interpretatorisch gelungene Aufnahme beim französischen Label naïve/ Opus 111.


P.S.:
Eine interessante Randnotiz noch zum Schluss:
Der Nachfolger Friedrich Augusts II., dessen Sohn Friedrich Christian starb mit nur 41 Jahren bereits im Dezember 1763, also nur gut 2 Monate nach seinem Vater.
Hasse komponierte dann auch noch für diesen sächsischen Kurfürsten ein Requiem (diesmal in Es-Dur), aus Zeitgründen (?) ergänzte er hierfür aber mehrere ältere Stücke mit neu komponierter Musik, so dass das Ganze nicht ebenfalls "aus einem Guss" ist, wie das C-Dur-Requiem.
Anfang 1764 verließen die Hasses Dresden dann endgültig und ließen sich in Wien nieder.

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