Mittwoch, 24. November 2010

Requiem-Vertonungen: John Rutter

Von der Mitte des 18. Jahrhunderts nun zum Ende des Requiem-Monats noch einen Sprung ans Ende des 20. Jahrhunderts!
Ich übergehe in voller Absicht die Zeit des späten 18. Jahrhunderts und des kompletten 19. Jahrhunderts (also die Epoche, in der die meisten, heute weltberühmten Requiem-Vertonungen entstanden sind, quasi von Mozart bis Fauré) und hole diesen Zeitraum demnächst ganz bestimmt noch nach - zunächst nun aber noch ein paar moderne Requiem-Kompositionen, die auch unbedingt hörenswert sind, wie ich finde!


Heute nun das im Jahr 1985 entstandene Requiem des Engländers John Rutter (geb. 1945), das er dem Andenken seines 1984 verstorbenen Vaters widmete.

Rutter studierte ab 1964 am altehrwürdigen Clare College in Cambridge und war dort von 1975 bis 1979 der Director of Music. Hier gehörte vor allem die Leitung des dortigen Chors zu seinen Aufgaben - dieser renommierte Chor ist einer der ersten gemischten College-Chöre in Cambridge; traditionell werden eigentlich in diesen Chören die hohen Stimmen mit Knabenstimmen besetzt, was diesen Ensembles einen ganz typischen Klang verleiht.
Ab 1979 widmete sich John Rutter verstärkt seiner kompositorischen Arbeit, im Jahr 1981 gründete er die Cambridge Singers - beiden Ensembles ist er nach wie vor eng verbunden und viele seiner Werke sind von diesen Chören uraufgeführt worden.

Ich schätze Rutter als einen echten Mann der (Chor-)Praxis, der zum einen genau weiß, was er Chören und Publikum abverlangen kann (und dabei auch Anleihen aus Jazz und Pop-Musik nicht scheut) und zum anderen seinen kompositorischen Anspruch dabei nie aus den Augen verliert: Populäre Klänge ja - aber keine Anbiederung!
Diesen oft schmalen Grat meistert Rutter meiner Meinung nach seit Jahren sehr gekonnt - symptomatisch finde ich hingegen die Tatsache, dass ein moderner Komponist mit dieser doch sehr undogmatischen und erfrischend unvoreingenommenen Einstellung verschiedenen Musikstilen gegenüber in der Regel Engländer oder Amerikaner ist und eben nicht aus Deutschland stammt!
Komponisten mit einer solchen Einstellung werden bei uns als "ernstzunehmende Musiker" leider eher nicht zur Kenntnis genommen oder als kommerzielle Scharlatane abgestempelt...
Hier würde ich mir mal eine etwas entspanntere Sichtweise auch hierzulande wünschen - das Ganze führt übrigens auch dazu, dass die Musik von Komponisten wie John Rutter trotz ihrer Qualitäten bei uns in Deutschland kaum bekannt ist, während zum Beispiel sein Requiem in den USA von Anfang an mit großer Begeisterung aufgenommen wurde... *seufz*

Rutter unterteilt sein Requiem (Aufführungsdauer ca. 35 Minuten) in sieben Abschnitte, wobei er allerdings nicht alle Teile der Missa pro defunctis vertont und teilweise selbstausgewählte englischsprachige Textpassagen aus dem Book of Common Prayer aus dem Jahr 1662 (einer der textlichen Grundpfeiler der anglikanischen Kirche) einfügt. Vielleicht hat er sich hierbei von der Textgestalt des 1962 uraufgeführten War Requiem von Benjamin Britten (1913-76) inspirieren lassen, in dem auch englische Texte mit den traditionellen lateinischen Worten kombiniert werden. Als Mitglied des renommierten Chors der Londoner Highgate School war Rutter als Schüler an der 1963 unter Brittens Leitung eingespielten Aufnahme des War Requiem beteiligt gewesen und hatte so eine besondere persönliche Verbindung zu diesem berühmten Werk.

-Introitus: Requiem aeternam
-Out of the deep
(Psalm 130)
-Pie Jesu
-Sanctus
-Agnus Dei
-The Lord is my shepherd
(Psalm 23)
-Communio: Lux aeterna

Rutter wollte mit seiner Komposition ein zeitgemäßes "Requiem of our time" schaffen und ließ sich vom berühmten Requiem op. 48 aus dem Jahr 1888 des Franzosen Gabriel Fauré (1845-1924) inspirieren, das mit seiner friedlichen, alles Dramatische und Grelle meidenden Grundstimmung in bewusstem Gegensatz zu den großen, düsteren Requiem-Vertonungen von Berlioz, Verdi & Co. steht.

Rutters Requiem sieht einen Solosopran und gemischten Chor vor, alternative Fassungen für Orchester und Kammerensemble (Flöte, Oboe, Cello, Harfe, Pauken, Schlagwerk [z. B. Glockenspiel] und Orgel) entstanden gleichzeitig. Die Fassung mit reduzierter instrumentaler Begleitung ermöglicht somit auch Aufführungen in kleinerem Rahmen.

Wie bei Fauré herrscht auch bei Rutter eine friedlich-tröstliche Stimmung vor, auch wenn der erste Satz ausgesprochen düster und beklemmend mit dumpfen Paukenschlägen im Pianissimo beginnt und der Chor fast gesprochen mit den Worten "Requiem aeternam" einsetzt (wobei es eine Reihe dissonanter Reibungen gibt). Schnell hellt sich aber diese Stimmung auf und schon beim zweiten "Requiem aeternam" erklingt eine typische Rutter-Melodie: Freundlich-melodiös, ein bisschen am modernen Pop- oder Musical-Tonfall orientiert - nach dem düsteren Beginn aber von wunderbar befreiender Wirkung, quasi wie ein musikalischer Sonnenstrahl, der plötzlich in die Dunkelheit bricht!

Der zweite Satz (Text vom Psalm 130) erinnert von der Machart her an traditionelle Psalmvertonungen der anglikanischen Kirchenmusik, wo immer großer Wert auf gute Textverständlichkeit gelegt wird, so dass der Chor weitgehend homophon geführt wird. Ganz wunderbar passt dazu das Sollo-Cello, das die Grundstimmung der Einsamkeit und Verzweiflung aber auch der Hoffnung, die im vertonten Psalmtext steht, eindringlich rüberbringt.

Von der umfangreichen Sequenz "Dies irae" der Missa pro defunctis ist, wie bei Fauré, nur noch der letzte Halbvers, das "Pie Jesu" übriggeblieben. Hier wie dort gerät er zu zentraler Bedeutung: Rutter setzt hier erstmals den Sopran in einem wunderbar verinnerlichten Solo ein. In "klassischen" englischen Kirchenensembles wäre dies jetzt das Solo für den Knabensopran, den boy treble; die Tatsache, dass Rutter jedoch für einen gemischten Chor schreibt, schlägt sich somit auch hier in der Wahl eines weiblichen Soprans nieder.

Der vierte Satz, das Sanctus, wirkt sehr hymnisch, das diesen Satz begleitende Glockenspiel soll das an dieser Stelle während der Messe übliche Glockengeläut versinnbildlichen.

Im Agnus Dei tauchen die dumpfen Paukenschläge und die düstere Atmosphäre des Beginns wieder auf. Hier wie im Schlusssatz gibt es eine Mischung aus lateinischem Messtext und englischen Texten. Der dritte "Agnus Dei"-Ruf stellt den dramatischen Höhepunkt des ganzen Stückes dar. Es überrascht etwas, dass gerade das Agnus Dei diese dramatisch-düstere Stimmung noch einmal hervorruft...

Mein Lieblingssatz ist definitiv die Psalmvertonung "The Lord is my shepherd" - ein große Ruhe ausstrahlender, sehr poetischer Chorsatz, der von einer Solo-Oboe mit etwas wehmütigen aber auch sehr friedlich wirkenden melodischen Figuren umrahmt und begleitet wird. Dieser C-Dur-Psalm steht in wirkungsvollem Kontrast zum in c-moll gehaltenen vorangegangenen Psalm Out of the deep. Traumhaft schön!
Ich vermute mal, dass es kein Zufall ist, dass Rutter hier gerade den 23. Psalm vertont - bis zum Konzil von Trient (1545-63) war ein (natürlich auf lateinisch gesungener) Teil dieses Psalms als Graduale "Si ambulem in medio" schon einmal Bestandteil der Missa pro defunctis gewesen (s. zum Beispiel das Requiem von Johannes Ockeghem)!

Im letzten Satz, in dem auch die Sopranistin nochmals zum Einsatz kommt, wirkt die erneut leise pochende Pauke plötzlich nicht mehr beklemmend, sondern mit ihrem sanften Pochen irgendwie beruhigend. Einige der Ruhe und Frieden transportierenden Motive aus dem ersten Satz kehren hier nochmals wieder, wodurch Rutter dem Ganzen auch musikalisch einen Rahmen verleiht.


Ich habe eine bei NAXOS erschienene, sehr klangschöne Aufnahme der kammermusikalischen Fassung dieses Requiems aus dem Jahr 2002 mit Mitgliedern der City of London Sinfonia und dem schon erwähnten Choir of Clare College, Cambridge, der nach wie vor von Rutters Nachfolger Timothy Brown geleitet wird. Der Sopran wird von Elin Manahan Thomas gestaltet, an der Orgel sitzt Nicholas Rimmer.

Ich kann dieses Requiem nur wärmstens empfehlen und würde es gerne auch einmal selber im Chor mitsingen!

Nicht nachvollziehen kann ich Kritiker, die sich zum Teil ziemlich geringschätzig über Rutters (recht dezente) popmusikalische Anleihen äußern - dabei ist dieses Prinzip nun wirklich nichts Neues: Nicht nur zu Mozarts Zeiten war es üblich, Musik im gerade jeweils beim Publikum populären Stil (vor allem in der Oper) auch in geistliche Musik einfließen zu lassen.
Das hat schon vor über 200 Jahren dem Publikum gefallen - und genau wie heute jede Menge Kritiker auf den Plan gerufen... irgendwie ändern sich hier die Dinge wohl nie *zwinker*

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